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12.11.06

Seminar zur Gewaltprävention

Professionell handeln in Gewaltsituationen (PART) Ein Seminar für (angehende) Heilerziehungspflegerinnen und Erzieherinnen

Streithähne trennen
sich befreien
sich befreien
sich befreien
In den Schwitzkasten nehmen
An den Haaren ziehen

Zu diesem Seminar trafen sich vom 6. - 8.11.2006 14 Jahrespraktikantinnen der Heilerziehungspflege und Sozialpädagogik. Es waren natürlich auch Männer eingeladen, aber die hatten sich wohl für andere Projekte entschieden.

An drei Tagen erhielten die Teilnehmerinnen eine solide Grundqualifikation nach dem PART-Konzept (siehe: www.part2000.de) für den Umgang mit KlientInnen, die aggressiv oder gewalttätig werden können. Dabei ging es um die eigene Haltung den aggressiven KlientInnen gegenüber, die Reflexion der eigenen Aggressionsanteile, die Schulung der Selbstkontrolle in Stresssituationen, die Erweiterung des Wissens um gewalttätige Vorfälle und schließlich um

  • Krisenkommunikation: Wie bringe ich eine Person, die droht, gewalttätig zu werden, mit Reden, Körpersprache, Nähe, Distanz und Kontakt davon ab, sich oder andere zu verletzen? (mit Rollenspielen)

  • Falls dies nicht gelingt: Wie kann ich mich selbst schützen und aus schwierigen Situationen befreien? Wie kann ich andere schützen? Wie arbeiten wir effektiv als Team zusammen? (mit Körperübungen)

  • Falls beides nicht ausreicht und es ernst wird: Wie können wir als Team mit Festhaltetechniken dafür sorgen, dass es nicht zu erheblichen Verletzungen kommt? (mit Körperübungen)

Grundlage des vermittelten Konzepts ist ein respektvoller Umgang mit allen KlientInnen, auch den aggressiven.

Warum sollte man aggressive und gewalttätige Klienten respektvoll behandeln - besonders solche, die uns bedrohen oder angreifen? Dafür gibt es mehrere Gründe:

  1. Die aggressiven oder gewalttätigen KlientInnen bleiben auch in einer Krisensituation unsere KlientInnen, für die wir eine besondere Verantwortung tragen - gerade in Krisensituationen.

  2. Die KlientInnen, die sich in einer solchen Ausnahmesituation befinden, sind häufig Menschen, die auch in unserer Institution sind, weil sie in solche Krisen geraten.

  3. Einen Verlust der Selbstkontrolle zu haben oder unter Problemen mit der Impulssteuerung zu leiden, macht jemanden nicht zu einem schlechten Menschen oder Gegner. Der Umgang mit solchen Problemen ist vielmehr unsere professionelle Aufgabe.

  4. Jemanden in Krisensituationen respektlos zu behandeln, seine Persönlichkeitsrechte oder seine Würde nicht zu achten, führt dazu, dass unsere Beziehung (die ja unser "Handwerkszeug" ist) zu den KlientInnen auch in anderen Situationen gefährdet ist.

  5. Jemand, der in der Lage ist, KlientInnen professionell durch eine Krise zu begleiten, ohne strafend, rächend oder Schmerz zufügend einzugreifen, dient auch als Beispiel für die KlientInnen und deren weiter zu entwickelndes Konfliktlösungspotenzial.

  6. Es dient der Steigerung des Sicherheitsgefühls der KlientInnen, wenn sie die Erfahrung machen, dass sie auch in Ausnahmesituationen gut behandelt werden und dass dabei das Ziel, Sicherheit für alle herzustellen, oberstes Gebot ist.

  7. Die KlientInnen (bzw. ihre Angehörigen) können berechtigterweise erwarten, dass in unserer Institution professionell mit Krisen umgegangen wird.

  8. Nur im Sinne von Notwehr zu handeln oder gar Kampfsporttechniken oder Schmerz zufügende Techniken anzuwenden, kann dazu führen, dass wir in den Verdacht geraten, in Krisensituationen die Grenze zur Misshandlung von Schutzbefohlenen zu überschreiten, wenn auch nur wider besseren Wissens oder Könnens.

Bei allen Versuchen der Krisenbewältigung geht es darum, die KlientInnen professionell durch eine Krise zu begleiten. Das bedeutet in der Praxis:

  • Der/die KlientIn wird als eine Person angesehen, die ein Problem mit der Steuerung ihres aggressiven Verhaltens oder der Impulskontrolle hat.

  • Der/die KlientIn ist (wenn sich die Aggression gegen die MitarbeiterInnen richtet) nicht der Feind des/der MitarbeiterIn, sondern er nutzt ihn als Projektionsfläche oder Übertragungsobjekt für seine eigene Problematik. Selbst wenn der/die KlientIn, was oft nachvollziehbar ist, gegen die MitarbeiterInnen und deren Grenzsetzungen oder Anweisungen opponiert, ist doch der Ausprägungsgrad der Aggression, wenn sie Körperverletzung zur Folge hätte, aus der Situation heraus häufig nicht vollständig begründbar und verständlich. Oft mischen sich lebensgeschichtliche Ereignisse und Erfahrungen mit dem aktuellen Auslöser und führen so zu gefährlichen Situationen. Häufig kommen KlientInnen in ein Betreuungsverhältnis, weil ein Teil ihrer Problematik die mangelnde Fähigkeit zur Selbststeuerung ist. Das heißt, dass es die professionelle Aufgabe der MitarbeiterInnen ist, mit den aggressiven Ausbrüchen umzugehen, da sie ein Teil der Indikation sind.

  • Das unmittelbare Ziel der Krisenintervention ist die Verhinderung von Körperverletzung, das mittelbare oder langfristige ist es, die Klienten dazu zu befähigen, sich selbst besser zu steuern und auf die Auslöser nicht mit Körperverletzung oder deren Androhung zu reagieren.

  • Dazu muss auch in Krisensituationen versucht werden, ein professionelles Verhältnis zu den KlientInnen aufrecht zu erhalten, d. h. sie respekt- und würdevoll zu behandeln, ohne die Sicherheitsaspekte aufzugeben. So können die KlientInnen die Erfahrung machen, dass sie auch in Ausnahmesituationen "gut" behandelt werden.

  • Dies erfordert von den MitarbeiterInnen eine hohe Fähigkeit zur Kontrolle der eigenen aggressiven Impulse und Ängste.

  • Es geht für die MitarbeiterInnen nicht um "Siegen" oder "Verlieren". Es geht nicht um das Kämpfen um Positionen, möglicherweise getrieben von der Angst, das Gesicht zu verlieren. Es geht um die Verfolgung des Ziels: Körperverletzung vermeiden und eine krisenhafte Entwicklung zu einem guten Ende für alle Beteiligten zu bringen. Nicht, wer der "Sieger" in einer aggressiven Auseinandersetzung ist, ist der Maßstab für Professionalität, sondern wer es erfolgreich schafft, Körperverletzung zu verhindern.

Auf diesem berufsethischen Hintergrund ging es zwei Tage lang um Selbstreflexion, Wissensvermittlung und Aufzeigen der Komplexität der Situation, damit die Teilnehmerinnen präventiv dafür sorgen können, dass es überhaupt nicht erst zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommt. Für alle Fälle gab es dann noch praktische Übungen in der Turnhalle, damit man sich im Ernstfall zu helfen weiß - auch hierbei auf der Basis eines respektvollen Zugangs zu den KlientInnen. Diese Übungen endeten schließlich darin, dass demonstriert wurde, wie man selbst bei einer sehr zudringlichen Intervention umsichtig und respektvoll mit KlientInnen umgehen kann, ohne ihnen Schmerz zuzufügen: das Zu-Boden-bringen und Festhalten von KlientInnen mit mehreren Personen.

Dass es trotz der ernsten Thematik auch genug zu lachen gab und dass das Lernen Spaß machte, dafür sorgte nicht nur der Referent, Wolfgang Papenberg, sondern auch die Teilnehmerinnen selbst, die sich hoch motiviert für ihren Beruf zeigten und mit Engagement bei der Sache waren. Sie erhielten nicht nur eine solide Fortbildung sondern auch ein Zertifikat über eine in Deutschland, Österreich und der Schweiz anerkannte und weit verbreitete Zusatzqualifikation.