Auge

Einblicke in die Arbeit im Bildungsgang

Kurzgeschichten aus dem Deutschunterricht

Diese Kurzgeschichten sind im Deutschunterricht der Klasse 12 der Fachoberschule entstanden. Interessierte Schülerinnen und Schüler haben sich im Unterricht zu einer Art Schreibwerkstatt zurückgezogen und Geschichten zu Themen geschrieben, die sie frei gewählt haben. Die Geschichten sind teils zusammen, teils im ersten Schritt alleine erarbeitet worden, ganz wichtig für den Endzustand war aber auch die Meinung der Gruppe, deren einzelne Mitglieder so jeweils auch als Lektor bzw. Kritikerin gearbeitet haben.

Auf Nimmer Wiedersehen

von Tim Sellwich
Sie sitzt auf dem Sofa. Ganz allein. Sie ist traurig. Ihr Mann hat sie vor kurzem verlassen, deswegen ist sie so traurig. Alles was sie hat ist ihr Kater. Nikk ist sein Name. Er hat einen Finnischen Namen, genau wie ihr Mann, der sie verlassen hat. Sie geht in die Küche. Aus der Schublade holt sie ein Messer. Aus der anderen ein Blatt Papier und einen schwarzen Kugelschreiber. Sie setzt sich auf ihr dunkelrotes Sofa und fängt an zu schreiben. Der letzte Satz auf dem Blatt ist "auf Nimmer Wiedersehen". Dann überlegt sie. Sie überlegt lange. Plötzlich hat sie einen Gedanken. Einen schlechten Gedanken. Sie greift sich das Messer. Dann geht sie in ihr Schlafzimmer. Sie legt sich auf ihr Bett und denkt noch einmal darüber nach, wofür es sich zu leben lohnt. Aber ihr fällt nichts nennenswertes ein. Am späten Aben hören ihre Nachbarn einen lauten Schrei. Sie realisieren, das der Schrei aus dem Nachbarhaus kommt.

Die geheimnisvolle Insel

von Daria Glienke

Ich gehe duschen. Das Wasser kommt. Es ist zu kalt. Ich schreie auf. Jetzt habe ich einen klaren Kopf. Ich denke nach. Ach wenn ich doch nur..., aber es geht ja doch nicht. Ich träume mich weg.
Aufeinmal ist das ganze Bad voller Wasserdampf. Er verformt sich. Plötzlich steht eine Art Dschin vor mir. Ich rutsche aus. Er fängt mich. Er sagt das er mir helfen möchte. "Wobei?", frage ich verdutzt. "Du hast drei Wünsche frei. Für deine Träume." Ich rutsche wieder aus. Ein tiefes Grollen ertönt. Ich ziehe meinen Bademantel an. Bin erstarrt. So langsam ordnen sich meine Gedanken. "Was bist du?", frage ich dieses Wesen. "Dein Dampfgeist, ich habe deine Gedanken gelesen." Ich weis nicht weiter. Der Dschin, oder was auch immer, wiederholt sich. "Ich helfe dir." "Aha!", mehr bringe ich nicht über die Lippen. "Du hast drei Wünsche frei."

New York

2.35 Uhr zeigt die Bahnhofsuhr an.
Ich wandere Ziellos über den Vorplatz und verschwinde in der nächsten Gasse.

Der  Verkäufer lächelt mich an, nimmt den Anzug entgegen. Ich reiche ihm meine Platincard, er wünscht mir einen schönen Tag und ich gehe.

Ich schaue an mir herunter. Der Armani Anzug hängt in Fetzen. Was ist passiert?

Ich schaue meiner attraktiven Begleitung in die Augen, sie lächelt.
Da kommt die Bedienung und reicht uns die Austern.

Ich beuge mich über den Rand des Müllcontainers und wühle darin herum.
Eine matschige Tomate. Lecker!

Ich liege in einem großen, weichem Himmelbett. Durch das gedämpfte Licht sehe ich die Silhouette einer  attraktiven Frau in der Tür. Der Bademantel  rutscht ihr langsam von den Schultern.

Ich öffne meine Augen, mein Rücken schmerzt. Meine Hose ist klitschnass, von der nassen Pappe auf der ich liege.
Die Straßen von New York füllen sich langsam. Ich raffe mich auf und merke, dass mein Magen knurrt.

Ich sitze in einem großen Raum. Auf dem Schreibtisch ein Foto einer jungen Frau. Die Tür öffnet sich.
Eine kleine pummelige Frau stellt mir einen Kaffee und ein Toast auf den Tisch, dreht sich um und geht ohne ein Wort zu sagen.

Es scheppert. Ein Mann schiebt mühsam seinen Kram vor sich her. Er nickt mir zu!
Schritte sind zu hören. Erst leise, dann immer lauter.
Ein Fuß, Bein, eine Frau, attraktiv, schön!
Sie kommt um die Ecke und starrt mich an.
"Jason? Was machst du hier?"

Jennifer O. , Lena K.

Der Baum

von Kornelia Bühler
Es ist dunkel, Motten schwirren um das Licht einer Laterne, Großstadtdunst hängt am Himmel und macht Sterne unsichtbar. Ein Mann sitzt auf der Parkbank und beobachtet die Motten bei ihrem Tanz um den künstlichen Mond, der viel heller scheint als der Wirkliche.
Der Sitzende horcht anstrengend in die Nacht, nichts ist zu hören. Oder doch, er hört die Autos in der Stadt und den Strom, der leise und kaum wahrnehmbar in die Laterne fließt.
Die Menschen sind taub, hörte er eine Stimme in seinem Kopf, die nicht seine Eigene ist.
Er drehte sich um und steht großen Baum hinter sich, dessen Zweige im Wind rauschen.
Diese Geräusche entspannen ihn, der Baum hat etwas Trostvolles und Entspannendes. Kann es sein, dass er...aber nein, Bäume sprechen nicht! Er lehnt sich nach hinten und schließt die Augen. Das Licht der Laterne scheint durch seine Augenlider. "Die Menschen sind taub." dieser Satz hallt noch immer durch seinen Kopf, "Wie wahr" denkt er, "Menschen sind taub, auf verschiedenste Art und Weise." Bilder schließen durch seinen Kopf. Es ist wie die Vorschau eines Films, Szene für Szene. Ein hungerndes Kind auf einer schmutzigen Straße, Touristen gehen sich fröhlich unterhaltend vorbei. Eine junge Frau auf einer Bank, mit eine Baby im Arm, auf dem sich Schnittwunden abzeichnen. Zwei schwerverletzte Männer auf einem Schlachtfeld, um sich liegen Tote, ein Dritter kniet nieder und weint. Das Meer, ein schwarzer Teppich breitet sich auf ihm aus und überschwappt Plastikflaschen. Ein Wald, überall Rauch und Flammen, Tiere flüchten, ein dunkler Schatten schwebt über allem. Eisblöcke, die abbrechen und ins Meer treiben. Wieder ein Wald, Menschen laden Müll in ihm ab. Die Bilder werden schneller, bleiben nur noch kurz. Fabriken, die Rauch ausspucken, ausbrechende Vulkane, Großstädte, fahrende Autos, ein Stau, Flugzeuge. Ein Sturm, der Häuser mit sich reißt . Flutwellen, die, die Menschen unter sich begraben. Einen Augenblick Schwärze, dann Schmerzen. Er sieht an sich hinunter, ein Mann, der ihn mit einer Säge bearbeitet. Kälte. Plötzlich ist alles vorbei, er öffnet die Augen und sieht in den grauen Himmel. Es ist Tag, jemand schüttelt ihn, ein Mann in einem grell orange farbigem Overall, der schreit: "Hey, Mann! Wachen Sie auf, wir müssen hier arbeiten!" Er steht sich auf, dreht sich um und sieht den großen Baum fallen, Kälte...

Der Weg

Was auch immer er jetzt tut, es wird alles für immer verändern.
Plötzlich wurde ihm die Endgültigkeit seines Handelns bewusst. "Finde deinen eigenen Weg." sagten sie immer. "Es ist dein Leben, sei dir den Konsequenzen deines Handelns bewusst und richte dich danach." Seine Hände wurden feucht und er warf einen letzten Blick zurück. Rechts von ihm stand Mike. Ein Blick, ein Nicken. Jan lehnte mit verschränkten Armen an der Wand, die Augen geschlossen und Thomas klammerte sich an seiner Gitarre fest. Er richtet seinen Blick wieder nach vorn, das Mikrophon fest in der Hand. Die Scheinwerfer glimmen auf.
"Finde deinen Weg." Das Herz schlägt im bis zum Hals.
"Mein Weg..." denkt er noch, als die ersten Takte der Intro anklingen...

Manuel P.

E-Mail für Ihn

5 Uhr Nachmittags. Er sitzt am PC und seine Finger gleiten über die Tastatur.
Auf einmal ein Blinken. Auf dem Monitor.
Er drückt die Maus und fängt an die E-Mail zu lesen:
"Nein, ich kann das nicht, was sollen die Leute denken?", schreibt sie Ihm.
Sie kennt er seit 3 Wochen.
Er sitzt da und starrt. Auf die Nachricht.
Einige Minuten fühlt er sich verwirrt. Wie kann sie sowas schreiben?
Er steht auf. Geht zum Spiegel. Streicht seinen Schwarzhaarigen Pony aus seine Schwarzgeschminktem Augen. Er richtet seinen Nietengürtel zurecht.
"Nein, ich kann das nicht, was sollen die Leute denken?"
Er setzt sich wieder an seinen Schreibtisch, schaut auf seine Chucks. "Sie sehen schon so alt und kaputt aus", denkt er.
Er nimmt sein Handy in die Hand und wählt ihre Nummer. Mittlerweile kann er sie auswendig.
"Nein, ich kann das nicht, was sollen die Leute denken?"
Er schmeißt sein Handy aufs Bett. Sein Bürostuhl dreht er wieder zurück zum Computer.
Er schaut auf die Uhr in der rechten Ecke seines Desktops: 17:25 Uhr.
Er nimmt seine Maus in die Hand. Der Pfeil wandert über dem Bildschirm.
Von Links nach Rechts und wieder zurück.
"Nein, ich kann das nicht, was sollen die Leute denken?"
Es macht klick. Ein Ordner auf dem Bildschirm öffnet sich.
Darin enthalten: Bilder. Digital. 3 Stück. "Erinnerung an einen schönen Tag", heißt eines davon.
Er drückt die rechte Maustaste und drückt auf "als Desktophintergrund verwenden".
Danach stellt er den Rechner aus.
"Nein, ich kann das nicht, was sollen die Leute denken?"
Es reicht. Er schnappt sich seine schwarze Kapuzenjacke und verlässt sein Zimmer.
Vor Mitternacht wird er nicht zuhause sein.

Nina Grengel